essay 2
Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Als einer der Gründerväter der professionellen Anthropologie in Nordamerika gilt Lewis Henry Morgan (1818 – 1881).
Der jedoch einflussreichste und bekannteste war Franz Boas (* 7. September 1858 in Minden; † 22. Dezember 1942 in New York). Er stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie. Nach seinem Geographie - Studium immigrierte er in die USA und wurde dort zum Wegbereiter für eine neue Richtung der Anthropologie. [1]
Boas gilt als großer Kritiker des Evolutionismus und machte sich damit in den USA nicht sehr beliebt. Er stieß auf großen Widerstand, potenzielle Gegner wollten nicht, dass er alles „umkrempelt“. [2]
Mit Boas kam auch der so genannte „four field approach“, der sich bis heute in der Anthropologie in Nordamerika festgesetzt hat. Der „four field approach“ besteht aus linguistischer, archäologischer, biologischer und Kultur- und Sozialanthropologie.
Er vertrat die neue These: „Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen.“ Dieser Ansatz war alsbald heiß umstritten und wurde viel diskutiert. Bekannt geworden ist Boas durch diese neue Richtung des Kulturrelativismus.
Er entwickelte einen historischen Partikularismus: Jede Kultur habe ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, ein allgemeines Gesetz zu machen, wie sich Kulturen entwickeln. Damit konterte er dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan
Der Kulturrelativismus ist der Gegensatz zum Universalismus, der die Existenz einer allumfassenden Ethik postuliert, und Ethnozentrismus, der die eigene als das Zentrum aller Dinge bewertet und alle anderen Kulturen im Hinblick auf die eigene Weltanschauung einstuft und beurteilt (Distanzierung und Abwertung von Fremdgruppen).
Der Kulturrelativismus entstand als Reaktion auf den Rassismus und den Evolutionismus des 19. Jahrhunderts. Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, dass Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden können.
Bestimmte innerkulturelle Verhaltensformen müssen immer im Licht des dazugehörigen Sozial-, Wertesystems und Kulturverständnisses gesehen werden. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden. [3]
Nach Boas ist jede Kultur relativ, d. h. nur aus sich selbst heraus erfahr- und erklärbar. Für Nicht-Spezialisten lässt sich eine fremde Kultur nicht erklären und erfahren. Kulturen sind demnach auch niemals vergleichbar. Es entwickelten sich aus dieser Anschauung ein harter und ein weicher Kulturrelativismus.
„Es kam zu der Differenzierung zwischen schwachem und starkem Kulturrelativismus. Starke Kulturrelativisten verabsolutieren den Unterschied zwischen Kulturen. Das Relative ist absolut. Die Besonderheiten jeder Kultur sind so dominant, dass sie nicht überbrückbar sind.
„Schwache Kulturrelativisten vertreten die Meinung, dass es teils auch Gemeinsamkeiten zwischen Gruppen und Gesellschaften gibt.“ [4]
Es gibt zwei verschiedene Leitfäden, die sich durch Boas Denken ziehen. Den Historischen Aspekt (Verbreitung kultureller Merkmale) und den psychologischen.
Sie wurden von seinen Studenten unterschiedlich verstanden und in verschiedenen Wegen weiterverfolgt. Es gab große Unterschiede zwischen seinen Studenten. Aber auch Boas selbst war sehr selbstkritisch, änderte oft seine Ansichten und revidierte frühere Meinungen und Aussagen. [5]
Seine Schüler nahmen später beide Richtungen auf, die erste Generation, hebt vor allem die historische hervor, die zweite Generation, die psychologische, bis schließlich die dritte Generation beide Richtungen verband.
Alfred Kroeber (* 1876 in New York; † 1960 in Paris) war ebenso wie sein Studienkollege Robert Lowie ein Schüler von Franz Boas; zusammen mit Edward Sapir bildeten sie die so genannte "erste Generation der Boas-Schüler". Kroeber versuchte das kulturrelativistische Element von Boas zu verstärken, sein bekanntester Artikel ist "the Super organic", das Super-Organische von 1917. Kroeber sieht Kultur als etwas, das jenseits des Organischen ist. Das Überorganische der Kultur, das ausschließlich Ideelle, konzentriert sich demzufolge in so genannten "key symbols" - mit diesen lasse sich Kultur festmachen. So schrieb er 1944 den Aufsatz "Configurations of Culture Growth". [6]
Im Gegensatz zu Kroeber vertrat Robert Lowie immer nur einen weichen Kulturrelativismus. Kultur ist seinem Verständnis nach etwas Dynamisches und unterliegt einem laufenden Veränderungsprozess. Lowie gilt als das „Beste“ aus Boas Erbe.
Edward Sapir (1884 – 1939) konzentrierte sich vor allem auf Linguistik. Er war der Meinung „Sprache konstruiert das Denken und somit die Wirklichkeit“. „Kultur ist wie Sprache“. „Sprache als Ausdrucksmittel für Kultur“. Mit dieser These tritt er genau in Boas Fußstapfen. Linguistische Relativitätstheorie [7]
In den 20Jahren kam langsam die zweite Generation von Boas Schülern zum Vorschein, und mit ihnen die „culture and personality school“.
Zwei der Bekanntesten Vertreterinnen sind Margarete Mead (1901 – 1978) und Ruth Benedict (1887 – 1948), vor allem Ruth Benedict steigerte mit ihren Werken den Bekanntheitsgrad der Kultur - und Sozialanthropologie.
Eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen ist die Erkenntnis „unserer eigenen Kultur ... (als) nur eine von unzähligen andersartigen Gestaltungsmöglichkeiten menschlicher Kultur“ (R. Benedict 1955, 182).
Benedict gilt als die Begründerin einer kulturvergleichenden Anthropologie in den USA. Sie versucht anhand der Psychoanalyse (Freud Vorlagen) Kultur zu verstehen.
Als Pionierin hatte sie einige Schwierigkeiten zu durchstehen. [8]
Margaret Mead vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei.
Es gibt gewisse Unterschiede zw. Mead u. Benedict; aber beide gehen davon aus, dass Kultur im Sinne Kroebers mit bestimmten „Key Symbols“ zu verstehen sei.
Abschließend ist zu sagen, dass aus heutiger Sicht ein schwacher Kulturrelativismus auf jeden Fall vertretbar ist. Ein starker Kulturrelativismus birgt die Gefahr einer extrem falschen Auslegung, einer äußerst ethnozentrischen Meinung wie…„wir sind so besonders, dass wir uns von allen anderen abgrenzen müssen…“
Der „harte“ Kulturrelativismus kann für rassistische Zwecke verwendet werden. Für Boas, der sich gegen Rassismus und gegen jede Form von Intoleranz ausgesprochen hat wäre diese Auslegung schlimm und niemals in seinem Interesse gewesen.. Er schrieb und lehrte immer in großer Opposition zum Nationalsozialismus.
Es ist wichtig die Besonderheiten einer jeden Kultur zu respektieren. Es ist gut und richtig, dass jede Kultur nach wie vor eigene Besonderheiten aufweisen kann. In einer Zeit in der Globalisierung und Vernetzung der gesamten Welt unaufhörlich voranschreitet, ist Kultur nur noch schwer direkt zu zuordnen, Sprache u. kulturelle Merkmale vermischen sich. Schuld daran sind unter anderem moderne Kommunikationstechnologien. Jedoch gibt es trotz dieser Vernetzungen Unterschiede, auch wenn sie manchmal nur fein sind und die wird es meiner Meinung nach immer geben.
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas 10.01.06 09:50 Uhr
[2] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.258-259
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus 10.01.06 9:55 Uhr
[4] Prof. Dr. Gingrich, Geschichte Vorlesung: 11.01.06
[5] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.262-263
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber 10.01.06 10 Uhr
[7] Vgl. Barnad, Alan and Jonathan Spencer (ed.). Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. Routlegde 1996, 1998, 2002.
[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Benedict 10.01.06 10 Uhr
