prader

Friday, January 13, 2006

essay 2

Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Als einer der Gründerväter der professionellen Anthropologie in Nordamerika gilt Lewis Henry Morgan (1818 – 1881).
Der jedoch einflussreichste und bekannteste war Franz Boas (* 7. September 1858 in Minden; † 22. Dezember 1942 in New York). Er stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie. Nach seinem Geographie - Studium immigrierte er in die USA und wurde dort zum Wegbereiter für eine neue Richtung der Anthropologie. [1]

Boas gilt als großer Kritiker des Evolutionismus und machte sich damit in den USA nicht sehr beliebt. Er stieß auf großen Widerstand, potenzielle Gegner wollten nicht, dass er alles „umkrempelt“. [2]

Mit Boas kam auch der so genannte „four field approach“, der sich bis heute in der Anthropologie in Nordamerika festgesetzt hat. Der „four field approach“ besteht aus linguistischer, archäologischer, biologischer und Kultur- und Sozialanthropologie.
Er vertrat die neue These: „Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen.“ Dieser Ansatz war alsbald heiß umstritten und wurde viel diskutiert. Bekannt geworden ist Boas durch diese neue Richtung des Kulturrelativismus.

Er entwickelte einen historischen Partikularismus: Jede Kultur habe ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, ein allgemeines Gesetz zu machen, wie sich Kulturen entwickeln. Damit konterte er dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan

Der Kulturrelativismus ist der Gegensatz zum Universalismus, der die Existenz einer allumfassenden Ethik postuliert, und Ethnozentrismus, der die eigene als das Zentrum aller Dinge bewertet und alle anderen Kulturen im Hinblick auf die eigene Weltanschauung einstuft und beurteilt (Distanzierung und Abwertung von Fremdgruppen).

Der Kulturrelativismus entstand als Reaktion auf den Rassismus und den Evolutionismus des 19. Jahrhunderts. Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, dass Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden können.

Bestimmte innerkulturelle Verhaltensformen müssen immer im Licht des dazugehörigen Sozial-, Wertesystems und Kulturverständnisses gesehen werden. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden. [3]

Nach Boas ist jede Kultur relativ, d. h. nur aus sich selbst heraus erfahr- und erklärbar. Für Nicht-Spezialisten lässt sich eine fremde Kultur nicht erklären und erfahren. Kulturen sind demnach auch niemals vergleichbar. Es entwickelten sich aus dieser Anschauung ein harter und ein weicher Kulturrelativismus.

„Es kam zu der Differenzierung zwischen schwachem und starkem Kulturrelativismus. Starke Kulturrelativisten verabsolutieren den Unterschied zwischen Kulturen. Das Relative ist absolut. Die Besonderheiten jeder Kultur sind so dominant, dass sie nicht überbrückbar sind.
„Schwache Kulturrelativisten vertreten die Meinung, dass es teils auch Gemeinsamkeiten zwischen Gruppen und Gesellschaften gibt.“ [4]

Es gibt zwei verschiedene Leitfäden, die sich durch Boas Denken ziehen. Den Historischen Aspekt (Verbreitung kultureller Merkmale) und den psychologischen.
Sie wurden von seinen Studenten unterschiedlich verstanden und in verschiedenen Wegen weiterverfolgt. Es gab große Unterschiede zwischen seinen Studenten. Aber auch Boas selbst war sehr selbstkritisch, änderte oft seine Ansichten und revidierte frühere Meinungen und Aussagen. [5]

Seine Schüler nahmen später beide Richtungen auf, die erste Generation, hebt vor allem die historische hervor, die zweite Generation, die psychologische, bis schließlich die dritte Generation beide Richtungen verband.

Alfred Kroeber (* 1876 in New York; † 1960 in Paris) war ebenso wie sein Studienkollege Robert Lowie ein Schüler von Franz Boas; zusammen mit Edward Sapir bildeten sie die so genannte "erste Generation der Boas-Schüler". Kroeber versuchte das kulturrelativistische Element von Boas zu verstärken, sein bekanntester Artikel ist "the Super organic", das Super-Organische von 1917. Kroeber sieht Kultur als etwas, das jenseits des Organischen ist. Das Überorganische der Kultur, das ausschließlich Ideelle, konzentriert sich demzufolge in so genannten "key symbols" - mit diesen lasse sich Kultur festmachen. So schrieb er 1944 den Aufsatz "Configurations of Culture Growth". [6]

Im Gegensatz zu Kroeber vertrat Robert Lowie immer nur einen weichen Kulturrelativismus. Kultur ist seinem Verständnis nach etwas Dynamisches und unterliegt einem laufenden Veränderungsprozess. Lowie gilt als das „Beste“ aus Boas Erbe.

Edward Sapir (1884 – 1939) konzentrierte sich vor allem auf Linguistik. Er war der Meinung „Sprache konstruiert das Denken und somit die Wirklichkeit“. „Kultur ist wie Sprache“. „Sprache als Ausdrucksmittel für Kultur“. Mit dieser These tritt er genau in Boas Fußstapfen. Linguistische Relativitätstheorie [7]

In den 20Jahren kam langsam die zweite Generation von Boas Schülern zum Vorschein, und mit ihnen die „culture and personality school“.
Zwei der Bekanntesten Vertreterinnen sind Margarete Mead (1901 – 1978) und Ruth Benedict (1887 – 1948), vor allem Ruth Benedict steigerte mit ihren Werken den Bekanntheitsgrad der Kultur - und Sozialanthropologie.

Eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen ist die Erkenntnis „unserer eigenen Kultur ... (als) nur eine von unzähligen andersartigen Gestaltungsmöglichkeiten menschlicher Kultur“ (R. Benedict 1955, 182).

Benedict gilt als die Begründerin einer kulturvergleichenden Anthropologie in den USA. Sie versucht anhand der Psychoanalyse (Freud Vorlagen) Kultur zu verstehen.
Als Pionierin hatte sie einige Schwierigkeiten zu durchstehen. [8]
Margaret Mead vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei.
Es gibt gewisse Unterschiede zw. Mead u. Benedict; aber beide gehen davon aus, dass Kultur im Sinne Kroebers mit bestimmten „Key Symbols“ zu verstehen sei.

Abschließend ist zu sagen, dass aus heutiger Sicht ein schwacher Kulturrelativismus auf jeden Fall vertretbar ist. Ein starker Kulturrelativismus birgt die Gefahr einer extrem falschen Auslegung, einer äußerst ethnozentrischen Meinung wie…„wir sind so besonders, dass wir uns von allen anderen abgrenzen müssen…“

Der „harte“ Kulturrelativismus kann für rassistische Zwecke verwendet werden. Für Boas, der sich gegen Rassismus und gegen jede Form von Intoleranz ausgesprochen hat wäre diese Auslegung schlimm und niemals in seinem Interesse gewesen.. Er schrieb und lehrte immer in großer Opposition zum Nationalsozialismus.

Es ist wichtig die Besonderheiten einer jeden Kultur zu respektieren. Es ist gut und richtig, dass jede Kultur nach wie vor eigene Besonderheiten aufweisen kann. In einer Zeit in der Globalisierung und Vernetzung der gesamten Welt unaufhörlich voranschreitet, ist Kultur nur noch schwer direkt zu zuordnen, Sprache u. kulturelle Merkmale vermischen sich. Schuld daran sind unter anderem moderne Kommunikationstechnologien. Jedoch gibt es trotz dieser Vernetzungen Unterschiede, auch wenn sie manchmal nur fein sind und die wird es meiner Meinung nach immer geben.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas 10.01.06 09:50 Uhr

[2] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.258-259

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus 10.01.06 9:55 Uhr

[4] Prof. Dr. Gingrich, Geschichte Vorlesung: 11.01.06

[5] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.262-263

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber 10.01.06 10 Uhr

[7] Vgl. Barnad, Alan and Jonathan Spencer (ed.). Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. Routlegde 1996, 1998, 2002.

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Benedict 10.01.06 10 Uhr

essay 2

Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Als einer der Gründerväter der professionellen Anthropologie in Nordamerika gilt Lewis Henry Morgan (1818 – 1881).
Der jedoch einflussreichste und bekannteste war Franz Boas (* 7. September 1858 in Minden; † 22. Dezember 1942 in New York). Er stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie. Nach seinem Geographie - Studium immigrierte er in die USA und wurde dort zum Wegbereiter für eine neue Richtung der Anthropologie. [1]

Boas gilt als großer Kritiker des Evolutionismus und machte sich damit in den USA nicht sehr beliebt. Er stieß auf großen Widerstand, potenzielle Gegner wollten nicht, dass er alles „umkrempelt“. [2]

Mit Boas kam auch der so genannte „four field approach“, der sich bis heute in der Anthropologie in Nordamerika festgesetzt hat. Der „four field approach“ besteht aus linguistischer, archäologischer, biologischer und Kultur- und Sozialanthropologie.
Er vertrat die neue These: „Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen.“ Dieser Ansatz war alsbald heiß umstritten und wurde viel diskutiert. Bekannt geworden ist Boas durch diese neue Richtung des Kulturrelativismus.

Er entwickelte einen historischen Partikularismus: Jede Kultur habe ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, ein allgemeines Gesetz zu machen, wie sich Kulturen entwickeln. Damit konterte er dem Evolutionismus von Lewis Henry Morgan

Der Kulturrelativismus ist der Gegensatz zum Universalismus, der die Existenz einer allumfassenden Ethik postuliert, und Ethnozentrismus, der die eigene als das Zentrum aller Dinge bewertet und alle anderen Kulturen im Hinblick auf die eigene Weltanschauung einstuft und beurteilt (Distanzierung und Abwertung von Fremdgruppen).

Der Kulturrelativismus entstand als Reaktion auf den Rassismus und den Evolutionismus des 19. Jahrhunderts. Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, dass Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden können.

Bestimmte innerkulturelle Verhaltensformen müssen immer im Licht des dazugehörigen Sozial-, Wertesystems und Kulturverständnisses gesehen werden. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext verstanden, beurteilt und betrachtet werden. [3]

Nach Boas ist jede Kultur relativ, d. h. nur aus sich selbst heraus erfahr- und erklärbar. Für Nicht-Spezialisten lässt sich eine fremde Kultur nicht erklären und erfahren. Kulturen sind demnach auch niemals vergleichbar. Es entwickelten sich aus dieser Anschauung ein harter und ein weicher Kulturrelativismus.

„Es kam zu der Differenzierung zwischen schwachem und starkem Kulturrelativismus. Starke Kulturrelativisten verabsolutieren den Unterschied zwischen Kulturen. Das Relative ist absolut. Die Besonderheiten jeder Kultur sind so dominant, dass sie nicht überbrückbar sind.
„Schwache Kulturrelativisten vertreten die Meinung, dass es teils auch Gemeinsamkeiten zwischen Gruppen und Gesellschaften gibt.“ [4]

Es gibt zwei verschiedene Leitfäden, die sich durch Boas Denken ziehen. Den Historischen Aspekt (Verbreitung kultureller Merkmale) und den psychologischen.
Sie wurden von seinen Studenten unterschiedlich verstanden und in verschiedenen Wegen weiterverfolgt. Es gab große Unterschiede zwischen seinen Studenten. Aber auch Boas selbst war sehr selbstkritisch, änderte oft seine Ansichten und revidierte frühere Meinungen und Aussagen. [5]

Seine Schüler nahmen später beide Richtungen auf, die erste Generation, hebt vor allem die historische hervor, die zweite Generation, die psychologische, bis schließlich die dritte Generation beide Richtungen verband.

Alfred Kroeber (* 1876 in New York; † 1960 in Paris) war ebenso wie sein Studienkollege Robert Lowie ein Schüler von Franz Boas; zusammen mit Edward Sapir bildeten sie die so genannte "erste Generation der Boas-Schüler". Kroeber versuchte das kulturrelativistische Element von Boas zu verstärken, sein bekanntester Artikel ist "the Super organic", das Super-Organische von 1917. Kroeber sieht Kultur als etwas, das jenseits des Organischen ist. Das Überorganische der Kultur, das ausschließlich Ideelle, konzentriert sich demzufolge in so genannten "key symbols" - mit diesen lasse sich Kultur festmachen. So schrieb er 1944 den Aufsatz "Configurations of Culture Growth". [6]

Im Gegensatz zu Kroeber vertrat Robert Lowie immer nur einen weichen Kulturrelativismus. Kultur ist seinem Verständnis nach etwas Dynamisches und unterliegt einem laufenden Veränderungsprozess. Lowie gilt als das „Beste“ aus Boas Erbe.

Edward Sapir (1884 – 1939) konzentrierte sich vor allem auf Linguistik. Er war der Meinung „Sprache konstruiert das Denken und somit die Wirklichkeit“. „Kultur ist wie Sprache“. „Sprache als Ausdrucksmittel für Kultur“. Mit dieser These tritt er genau in Boas Fußstapfen. Linguistische Relativitätstheorie [7]

In den 20Jahren kam langsam die zweite Generation von Boas Schülern zum Vorschein, und mit ihnen die „culture and personality school“.
Zwei der Bekanntesten Vertreterinnen sind Margarete Mead (1901 – 1978) und Ruth Benedict (1887 – 1948), vor allem Ruth Benedict steigerte mit ihren Werken den Bekanntheitsgrad der Kultur - und Sozialanthropologie.

Eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen ist die Erkenntnis „unserer eigenen Kultur ... (als) nur eine von unzähligen andersartigen Gestaltungsmöglichkeiten menschlicher Kultur“ (R. Benedict 1955, 182).

Benedict gilt als die Begründerin einer kulturvergleichenden Anthropologie in den USA. Sie versucht anhand der Psychoanalyse (Freud Vorlagen) Kultur zu verstehen.
Als Pionierin hatte sie einige Schwierigkeiten zu durchstehen. [8]
Margaret Mead vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei.
Es gibt gewisse Unterschiede zw. Mead u. Benedict; aber beide gehen davon aus, dass Kultur im Sinne Kroebers mit bestimmten „Key Symbols“ zu verstehen sei.

Abschließend ist zu sagen, dass aus heutiger Sicht ein schwacher Kulturrelativismus auf jeden Fall vertretbar ist. Ein starker Kulturrelativismus birgt die Gefahr einer extrem falschen Auslegung, einer äußerst ethnozentrischen Meinung wie…„wir sind so besonders, dass wir uns von allen anderen abgrenzen müssen…“

Der „harte“ Kulturrelativismus kann für rassistische Zwecke verwendet werden. Für Boas, der sich gegen Rassismus und gegen jede Form von Intoleranz ausgesprochen hat wäre diese Auslegung schlimm und niemals in seinem Interesse gewesen.. Er schrieb und lehrte immer in großer Opposition zum Nationalsozialismus.

Es ist wichtig die Besonderheiten einer jeden Kultur zu respektieren. Es ist gut und richtig, dass jede Kultur nach wie vor eigene Besonderheiten aufweisen kann. In einer Zeit in der Globalisierung und Vernetzung der gesamten Welt unaufhörlich voranschreitet, ist Kultur nur noch schwer direkt zu zuordnen, Sprache u. kulturelle Merkmale vermischen sich. Schuld daran sind unter anderem moderne Kommunikationstechnologien. Jedoch gibt es trotz dieser Vernetzungen Unterschiede, auch wenn sie manchmal nur fein sind und die wird es meiner Meinung nach immer geben.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas 10.01.06 09:50 Uhr

[2] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.258-259

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus 10.01.06 9:55 Uhr

[4] Prof. Dr. Gingrich, Geschichte Vorlesung: 11.01.06

[5] Vgl. Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sidel Silverman: One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago Univ. Press: 2005. S.262-263

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber 10.01.06 10 Uhr

[7] Vgl. Barnad, Alan and Jonathan Spencer (ed.). Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. Routlegde 1996, 1998, 2002.

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Benedict 10.01.06 10 Uhr

Friday, November 25, 2005

emile durkheim

Durkheim
4. Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?


Emile Durkheim gilt als der Begründer der Soziologie als empirischer Wissenschaft mit eigenständiger Methode.
Durkheim betonte, dass die Gesellschaft mehr ist als die Summe der Individuen, die zu ihr gehören. Er stellte fest, dass die Gesellschaft nicht mit biologischen oder psychologischen Begriffe erklärt werden kann.
Durkheim entwickelte eine soziologische Methode, die soziale Phänomene als selbständige Größen betrachtet, die sich nicht auf psychologische Phänomene reduzieren lassen.

Durkheim war nicht nur für die Begründung und Entwicklung der Soziologie verantwortlich. Er revolutionierte die Sozialwissenschaften, und zählt zu den heutigen Größen der Kultur- und Sozialanthropologie.

Vor Durkheim untersuchten und forschten die damaligen Vertreter unseres Faches vor allem außereuropäische Gesellschaften. Exotische traditionelle Gesellschaften stehen im Mittelpunkt der Wissenschaft und Feldforschungen.
Durkheim machte sich auch über unsere westlich orientierte Gesellschaft Gedanken. Er versucht seine eigene Gesellschaft genauso wissenschaftlich und objektiv zu beobachten und zu untersuchen wie traditionelle Gesellschaften.

Seine zentralen Fragen waren: Was prägt die moderne Industriegesellschaft, in der ich aufwachse - und was unterscheidet sie von anderen Gesellschaften? Eine Frage beschäftigte ihn ganz besonders: „Was bewegt eine Gesellschaft zum inneren Zusammenhalt?“

Mit dieser Thematik beschäftigt er sich in seinem bedeutendstem Werk De la division du travail social (Über die Teilung der sozialen Arbeit, 1893).
Seine auf den Punkt gebrachte Antwort: die Arbeitsteilung! Die Arbeitsteilung ist das, was die (damals) moderne Industriegesellschaft von anderen Gesellschaften unterscheidet. Durch die Arbeitsteilung und die daraus resultierende Spezialisierung der Fähigkeiten sind die Individuen aufeinander angewiesen und ergänzen sich gegenseitig.
Diese Grundlage für Solidarität wird als „organische Solidarität“ bezeichnet.

Die Industriegesellschaft hat nach Durkheim eine differenzierte, hochentwickelte und komplexe Arbeitsteilung von solchen Ausmaßen, dass der Einzelne sie nicht mehr überblicken kann. Tatsächlich ist der Einzelne in dieser arbeitsteiligen Gesellschaft überaus abhängig, jedoch entwickelt er eine Ideologie, die genau das Gegenteil sagt - nämlich den Individualismus. Durkheim zeigte dieses Paradoxen der Industriegesellschaft erstmals auf. Andere, wenig oder nicht-industrialisierte Gesellschaften kennzeichnet eine viel einfachere und überschaubarere Arbeitsteilung.

Die ursprünglichen Gesellschaften waren stark segmentiert, d.h. die einzelnen Familien, Sippen und Clans wohnten in Ansiedlungen, die räumlich von anderen getrennt waren (z.B. durch Felder, Wälder usw.). Hierdurch bedingt, hatte jedes einzelne Segment ein mehr oder weniger eigenes Wirtschafts- und Wertesystem – man könnte auch sagen: Jedes Segment hatte seine eigene Moral (was aber nicht ausschließt, daß es Überschneidungen geben kann). Zwischen den einzelnen "Gesellschaften" bestehen somit "moralische Leerräume". Da es sich um Selbstversorger handelte, beherrscht jedes einzelne Mitglied prinzipiell alle anfallenden Tätigkeiten (backen, schustern, schreinern usw.) – Ausnahme sind hier u.U. einige geschlechterspezifisch aufgeteilte Bereiche (z.B. waschen, backen für die Frauen und Jagd und Ackerbau für die Männer usw.). Auf diese Weise kommt es nur zu wenigen sozialen Kontakten zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern und zu Intergruppen-Kontakten. Dürkheim spricht in diesem Zusammenhang von "mechanischer Solidarität".

Eine Ursache für eine Änderung sind nach Durkheim die besseren Mobilitätschancen (z.B. durch den Ausbau eines Straßennetzes). Hierdurch kam es zu größeren Ansammlungen und somit zu einer größeren "dynamischen und moralischen Dichte". Zunächst waren die Ansiedlungen noch lose; die zunehmende Urbanisierung führte aber zu einem immer stärker werdenden Verdichtungsprozess, der sich sowohl auf die räumliche als auch auf die soziale Komponente erstreckt.

Wie kommt es zur Arbeitsteilung?
Durch die größere Dichte (dynamisch und moralisch, s.o.), kommt es zwischen den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern in immer stärker werdendem Maß zum Konkurrenzdruck. Dies führt dazu, dass Nischen gesucht und besetzt werden: Der eine kann besser schustern als andere, der andere kann besser backen usw. Jeder versucht also die Nische zu finden und zu besetzen, mit der er dem Konkurrenzdruck entgehen kann. Dieser Prozess führt zur Arbeitsteilung. Um für sich selbst alle Bereiche abzudecken, muss man sich nun austauschen (also Schuhe vom Schuster, Brot vom Bäcker usw.). Es kommt also zu erheblich mehr sozialen Kontakten und somit, nach Dürkheim, zu einer besseren Integration. Positiv beeinflusst wird dieser Prozess durch immer größer werdende Märkte. Durkheim spricht in diesem Zusammenhang von "organischer Solidarität". [1]

Voraussetzungen für das Funktionieren einer solchen Gesellschaftsform sind:
- Internalisierung eines einheitlichen Normen und Wertesystems
- Chancengleichheit ohne Sanktionen und äußeren Zwang
Durkheim sieht in der Arbeitsteilung den Motor des Fortschrittes und der Kultur.
Hierfür fügt er folgende Begründungen an:
Die Spezialisierung ist nur durch einen erheblich größeren körperlichen und geistigen Aufwand zu erreichen und fortzuführen. Daher steigert sich der Anspruch an die Qualität des Ergebnisses bei gleichbleibenden bzw. knapper werdenden Ressourcen. Um dieses Bedürfnis befriedigen zu können, müssen die Produktionsmöglichkeiten verbessert werden
Eine Vielzahl unserer kulturellen Bedürfnisse sind bereits veranlagt und werden durch das Größer werdende Angebot geweckt, führen dann aber wiederum zu neuen Bedürfnissen, die dann aber in erster Linie durch immer größer werdende geistige Anstrengungen befriedigt werden.
[1]

Durkheims Interesse galt auch der Religion. Welchen Einfluss und welchen Stellenwert Religion in den verschiedenen Gesellschaften hat. Er ging der Frage nach, warum in traditionellen Gesellschaften die Religion eine viel größere Bedeutung hat, als bei den heutigen „modernen“ Industriegesellschaften.

Durkheim sieht Religion als menschliches Produkt. Religion diene zur Beschreibung nicht alltäglicher Erfahrungen. In der Religion sind Bilder und Geschichten menschlicher Erfahrungen und Empfindungen nachempfunden. Religion habe eine soziale Funktion und unterstütze den Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft.

In erster Linie sind es Rituale (= regelmäßige Handlungsabläufe die sich in Form und Inhalt vom Alltag unterscheiden), die für Solidarität sorgen.
Diese sind in den Religionen aber auch in vielen anderen Bereichen des Lebens zu finden.

In seinem Werk Durkheims "Le suicide" (Der Selbstmord bzw. Die Selbsttötung, 1897), untersucht er die unterschiedlichen Selbstötungsraten unter Protestanten und Katholiken, die er auf die strengere soziale Kontrolle unter Katholiken zurückführt. In diesem Werk entwickelt er auch den Begriff derAnomie. Der Begriff wurde von Emile Durkheim in die Soziologie eingeführt. Der Rückgang von religiösen Normen und Werten führt nach Durkheim unweigerlich zu Störungen und zur Verringerung sozialer Ordnung. Aufgrund von Gesetz- und Regellosigkeit sei dann die gesellschaftliche Integration nicht länger gewährleistet. Diesen Zustand nannte Durkheim anomie, die beim Individuum zu Angst und Unzufriedenheit führen müsse, ja sogar zur Selbsttötung führen könne ("anomischer Suizid").

Als Beispiel, dass es grundlegende Unterschiede zwischen Gesellschaften gibt nannte Durkheim, Selbstmord, der nicht in allen Kulturen negativ behandelt wird.

In Ozeanien klettert die Person die Suizid verüben will auf eine Palme, klagt die Person die dafür Schuld sei öffentlich an und stürzt danach in den Tod. Doch wird der jenige nicht wie in westlichen vor allem katholischen Gesellschaften verachtet und ausgestoßen sondern bekommt viel Anerkennung.

Emile Durkheim prägte insbesondere zwei große Theorien der Anthropologie/Soziologie: Den britischen Funktionalismus (Bronislaw Malinowski, Alfred Radcliffe-Brown) und den französischen Strukturalismus.
Funktionalismus, welcher in seinem Kern an Emile Durkheim anknüpft, und sich aus der Kritik am Evolutionismus entwickelt hat. Durkheim sah schon früh einzelne Institutionen als Organe eines soziokulturellen Systems, und prägte dadurch sowohl den Funktionalismus Malinowskis, als auch den Strukturfunktionalismus Alfred Reginald Radcliffe-Browns.

[1] http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroSS98/Durkheim_Arbeitsteilung.htm

Quellen
Four ways one discipline
http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroSS98/Durkheim_Arbeitsteilung.htm
The Durkheim Pages

lalala

lalala

Saturday, October 22, 2005

prader

hallo!